Das Ende der Kabeljau-Fischer

Dem Dorsch in der Nord- und der Ostsee droht die Ausrottung. Dennoch sperren sich EU und Verbände gegen neue Fangquoten. Und die EU-Einwohner verzehren inzwischen so viel Fisch, dass die steigende Nachfrage nicht mehr legal gestillt werden kann.

Mit kleinen Fischen sollte sich der Kunde nie zufrieden geben, warnt die Hamburger Verbraucherzentrale. Denn „Baby-Fische“ hatten keine Chance, zu laichen und sich fortzupflanzen, bevor sie in die Pfanne wanderten. Im Kampf gegen den Raubbau am Fisch-Nachwuchs, der ganze Arten bedroht, empfiehlt die Verbraucherzentrale eine Waffe spezieller Art: das Fisch-O-Meter. Mit dem Lineal lassen sich an der Ladentheke verbotene Baby-Schollen oder Kinder-Kabeljau aufspüren.
Doch mit dem Fisch-O-Meter allein ist die drohende Ausrottung von Dorsch und Scholle, Lachs und Sprotte nicht zu verhindern. Seit immer mehr Europäer Geschmack am Fisch finden und die Nachfrage stetig steigt, sehen Meeresbiologen zahlreiche Sorten gefährdet. Weltweit seien sieben von zehn Fischarten überfischt, klagt die Umweltstiftung WWF. Besonders schlimm sieht es in der Ost- und Nordsee aus. Dort ist vor allem der auch Kabeljau genannte Dorsch bedroht. Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) ist sogar derart besorgt, dass er den Stopp der Dorsch-Fischerei in der östlichen Ostsee fordert. Im Westteil, so die Empfehlung, sollte die Fangquote halbiert werden.
Doch die Chance, dass sich die EU diese Warnung zu Herzen nimmt, ist gering. Gerade hat EU-Fischereikommissar Joe Borg zwar vorgeschlagen, den Fang von Kabeljau in der westlichen Ostsee 2008 um ein Drittel, in der östlichen um 23 Prozent einzuschränken. Doch selbst das wird wohl kaum umgesetzt. Denn das letzte Wort in Sachen Fischerei-Quote hat nicht Europas höchste Behörde, sondern die Runde der 27 EU-Fischerei- und Landwirtschaftsminister. Diese handeln in der Regel deutlich höhere Fangmengen aus, als die Kommission empfiehlt.
Denn EU-weit sind immerhin 526.000 Menschen im Fischereisektor beschäftigt, vor allem in Frankreich, Spanien und Dänemark. Die deutsche Flotte ist mit rund 2100 Schiffen und 8200 Beschäftigten zwar recht klein. Aber auch hier ist der Umsatz 2006 um mehr als zehn Prozent auf immerhin zwei Mrd. Euro gestiegen.
Was passiert, wenn alle so weitermachen wie bisher
Doch nicht nur Industrieinteressen und die Sorge um Arbeitsplätze macht den Ministern die Entscheidung schwer. Vor allem verlangen mittlerweile Verbraucher Fisch in einer Menge, die legal überhaupt nicht mehr zusammenzubringen ist. Fast 22 Kilo isst jeder EU-Bürger im Schnitt pro Jahr. Aufforderung wie jene des ICES, für eine beliebte Art wie den Dorsch einen völligen Fangstopp zu verhängen, haben da wenig Aussicht auf Erfolg. Dabei sind die Prognosen Besorgnis erregend: Machen alle so weiter, könnten die Bestände 2048 komplett zusammenbrechen, heißt es in einer Studie der Zeitschrift „Science“.
Es ist noch nicht einmal kontrollierbar, ob die zögerlichen Vorgaben aus Brüssel auch eingehalten werden. Tatsächlich sind immer mehr illegale Fischer unterwegs. So fielen jüngst die polnischen Fischer in der Ostsee negativ auf: Sie haben nach Erkenntnissen der EU-Kommission im ersten Halbjahr 18.000 Tonnen gefischt, aber nur 6000 Tonnen gemeldet. Ihre Quote lag bei 10.000 Tonnen – für das Gesamtjahr. Deshalb hat Brüssel Polen umgehend verboten, in der Ostsee weiter Kabeljau zu fangen.

Die Umweltstiftung WWF glaubt jedoch, dass nur ein Bruchteil der Schwarzfischer erwischt wird. Es werde weit mehr leer gefischt und weit mehr Beifang entsorgt, als offizielle Zahlen erahnen ließen. Dem WWF zufolge sind bis zu 60 Prozent aller Fänge in der Ostsee illegal.
Härtere Strafen für illegale Fischer gefordert
Auch der Verband der deutschen Kutter- und Küstenfischer ist darüber sauer, obwohl er die Senkung der Dorsch-Fangquoten scharf kritisiert. Die Kommission sollte die illegale Fischerei in östlichen Mitgliedstaaten wirksam bekämpfen, statt mit immer neuen Regulierungen aufzuwarten, forderte ein Verbandssprecher. „Mit der jetzigen Fangempfehlung bringt die Kommission zum Ausdruck, dass sie selbst nicht an den Erfolg ihrer Maßnahmen gegen die Schwarzfischerei glaubt.“

Auch der Bundesverband der deutschen Fischindustrie hat gefordert, die Kontrollen zu verstärken. Neue Gesetze seien nicht nötig – es müsse nur besser gefahndet und diese härter bestraft werden. Der Deutsche Fischerei-Verband weist darauf hin, dass sich der Kabeljau mit 100.000 Tonnen in der südlichen Nordsee seit drei Jahren auf zwar niedrigem, aber konstantem Niveau halte. Und in Grönland wüchsen die Bestände rapide. Katastrophenmeldungen seien daher nicht angebracht.
Keine Meinungsverschiedenheiten gibt es dagegen beim Seelachs. Dessen Bestände, sind sich Biologen und Fischer einig, sind in „gutem Zustand“ und bewegen sich seit Jahren nach oben. Wen es nach Fisch gelüstet, der kann Umweltschutzorganisationen zufolge auch guten Gewissens nach Makrele, Hering oder Karpfen greifen.

Welche Fische Verbraucher meiden sollten

Meiden sollte man neben Dorsch und Scholle auch Heilbutt, Thunfisch, Rotbarsch, Seezunge oder Flussaal. Problematisch bei Shrimps ist, dass pro Kilo Wildfang fünf bis zehn Kilo anderer Meerestiere als unerwünschter Beifang sterben. Ganz oben auf der Speiseliste der Deutschen stand 2006 nach Angaben des Fischindustrie-Verbandes der Alaska-Seelachs, der meist in Fischstäbchen und Schlemmerfilets verarbeitet wurde. Danach folgten Hering und Lachs, der den Thunfisch auf den vierten Platz verwies.